«Die Finanzwirtschaft hat eine dienende Wirtschaft zu sein»

«Die Geschäftsbanken vermitteln heute nicht nur Geld, sie schaffen Geld. Dazu brauchen sie keine Gelddruckmaschine, heute wird Geld mit einem Mouseclick erzeugt. Privaten Unternehmen das Privileg der Geldschöpfung zu übertragen, ist unverantwortlich. Darum gehört die Geldschöpfung wieder in öffentliche Hand

Die Linke-Politikerin und Ökonomin Sahra Wagenknecht sagt, dass wir uns vor dem Kapitalismus retten müssen. Sie erklärt, wie eine neue Wirtschaftsordnung aussehen könnte. «Es gibt eine Alternative zum Kapitalismus, die den Gegensatz Privat- versus Staatswirtschaft oder auch Markt- versus Planwirtschaft hinter sich lässt.»

«Das Wesen des Kapitalismus besteht nicht darin, dass wir freie Märkte und echten Wettbewerb haben. Vielmehr haben wir eine Dominanz grosser Konzerne mit zunehmender Marktmacht.»

«Man kann nur etwas enteignen, was rechtmässig angeeignet worden ist. Unternehmen wachsen aber überwiegend dadurch, dass sie ihre Gewinne im Betrieb behalten und neu investieren. Diese Gewinne beruhen nicht auf der Leistung oder Sparsamkeit externer Kapitaleigner, die im Übrigen auch nur begrenzt für Verluste haften, sondern auf der Leistung all derer, die im Unternehmen arbeiten: vom Hilfsarbeiter bis zur Geschäftsleitung. Dieses aus Gewinn gebildete Kapital sollte daher legitimerweise auch der Belegschaft gehören. Damit meine ich aber nicht verkäufliche und vererbbare Belegschaftsaktien. Die Idee ist, dass ein Unternehmen sich faktisch selbst gehört. Es hat keine externen Eigentümer und muss daher auch niemandem Geld ausschütten. Wer Geld in ein Unternehmen gibt, etwa zur Startfinanzierung oder im Krisenfall, bekommt sein Geld mit einem je nach Risiko gestaffelten Zins zurück. Dieses Modell nenne ich Mitarbeitergesellschaft. Dagegen wollen Kapitaleigentümer, etwa Finanzinvestoren oder Erbendynastien, in der Regel möglichst viel Geld aus dem Unternehmen herausholen. Damit enteignen sie faktisch diejenigen, die dieses Geld erwirtschaften.»

«Dass die wirtschaftliche Macht sich in den Händen weniger konzentriert, hat letztlich auch politische Konsequenzen: Grosse Konzerne haben auch eine mächtige Lobby, um ihre Interessen in der Politik durchzusetzen. Wir müssen diesen Wirtschaftsfeudalismus überwinden

«Grosse Unternehmen sollten entflochten respektive zerschlagen werden. Ein solches Vorgehen stünde auch in der Tradition der deutschen und österreichischen Volkswirtschaftslehre. Gerade der Ordoliberalismus wollte verhindern, dass Unternehmen Machtpositionen erwerben können.»

«Das europäische Kartellrecht kann man ganz vergessen, da werden Mega-Fusionen durchgewunken. In der Autoindustrie zum Beispiel gibt es europaweit enge eigentumsrechtliche Verflechtungen. Das schränkt den Wettbewerb massiv ein. Wir müssen Eigentum neu denken.»

«Die Finanzwirtschaft hat eine dienende Wirtschaft zu sein. Ihr Geschäftsmodell sollte in erster Linie darin bestehen, Investitionen in der realen Wirtschaft zu finanzieren und nicht irgendwelche Finanzspekulation zu betreiben und undurchsichtige Derivate zu konstruieren.»

Lesenswertes Interview im «TagesAnzeiger»

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